Course No.: 848436
Teaching: Simon Oberhammer & Karolin Schmidbaur & Martin Zangerl
Voids, Proxies and quasi-architectures
INTRO
Die stetige Beschleunigung, Vernetzung und Verdichtung unseres gegenwärtigen Lebensraums
verstärken die Vorbestimmtheit sozialer und technologischer Ordnungen. Während unser Tun im
Alltag wie in globalen Systemen durch (algorithmische) Steuerungen, Protokolle und Regelwerke
standardisiert und vereinfacht wird, schrumpfen unsere Handlungsspielräume und es kommt zu
einem Verlust an Urteilskraft.
Hartmut Rosas¹ Unterscheidung zwischen Situation und Konstellation bildet den Ausgangspunkt für
die Frage nach der Bedeutung situativer und kontextgebundener Entscheidungskompetenzen (in) der
Architektur. Während die Konstellation durch vorgegebene Abläufe, Systeme und Regeln geprägt ist,
erfordert die Situation Interpretation, Urteilskraft und die Fähigkeit, auf konkrete Umstände zu
reagieren. Wir fragen somit: How do we judge?
In diesem Bachelor Studio beschäftigen wir uns mit dem Thema Latitude [ Spielraum ], um das
Konzept der handelnden Leere und das Potential des Dazwischen zu erforschen und neu zu
definieren.
Latitude [ Spielraum ] bezeichnet einen Raum, der nicht vollständig vordefiniert oder funktional
determiniert ist. Er eröffnet Möglichkeiten der Bewegung, Aneignung und Veränderung. Er bildet einen
Bereich der Unschärfe zwischen Innen und Außen, Privatheit und Öffentlichkeit, Masse und Leere,
Enge und Weite, Konstruktion und Atmosphäre, ebenso wie zwischen gegenwärtigen und zukünftigen
Nutzungen.
Die Forderungen nach “Spacing” und “A.void.ing” – also nach dem Herstellen und Offenhalten von
Relationen zwischen unterschiedlichen Akteuren – findet man sowohl in der Resonanztheorie von
Rosa als auch in den Akteur-Netzwerken von Bruno Latour (Das Parlament der Dinge) und den durch
Störungen und Relais bestimmten Vermittlungslogiken von Michel Serres (Der Parasit). Serres` Begriff
des Dritten Raums beschreibt sehr klar das dieses Thema zusammenfassende Unbehagen gegenüber
den Dynamiken der Moderne und seiner binären Logiken. Das Studio versteht Architektur somit als
Praxis, welche durch die Konstruktion solcher dritten Räume (oder Voids) den schrumpfenden
Spielräumen unserer Gegenwart entgegenwirken kann.
Das architektonische Void hält Raum für das noch Unbekannte frei und ermöglicht neue räumliche,
konstruktive, materielle und atmosphärische Zusammenhänge. Es wird also nicht als bloße
Abwesenheit, Restfläche oder unbestimmter Zwischenraum verstanden, sondern als aktive räumliche
Bedingung: als Vermittler, Platzhalter und Katalysator zwischen unterschiedlichen Zuständen,
Einflüssen und Kräften. Es wird zum Akteur.
Ziel ist eine Architektur, die nicht jede Nutzung und jeden Bewegungsablauf abschließend festlegt,
sondern einen produktiven Rahmen für Begegnung, Veränderung und zukünftige Möglichkeiten
entwickelt. Trotzdem entsteht als Ergebnis konkrete Architektur, die sich den grundsätzlichen
Anforderungen und Bedingungen eines materialisierten „Gebäudes“ stellt.¹
Prozess
Thema – Mittel – Entwurf (Warum – Wie – Was)
Das Studio ist um einen triadischen Rahmen von Thema, Mittel und Entwurf organisiert, die
zusammen drei miteinander verbundene Dimensionen des architektonischen Entwurfsprozesses
darstellen. Diese Dimensionen—Warum, Wie und Was—stehen in ständigem Dialog miteinander und
bilden eine kohärente Struktur, die Theorie, Strategie und Ausführung in eine umfassende
Entwurfsmethodik integriert. Dieser Ansatz fördert ein iteratives Verständnis von Architektur, bei dem
jedes Element das andere informiert und beeinflusst, wodurch eine dynamische und
anpassungsfähige Gestaltungsumgebung entsteht.
Das Ziel des Studios ist es, einen eigenen thematischen Fokus und eine individuelle
Entwurfsmethodik zu entwickeln, und diese in konkrete architektonische Prototypen — in Bezug zu
Latitude/Spielraum — als relationale und performative Systeme zu übersetzen.
Donnerstag, 8. Oktober 2026, um 10:00 Uhr im Hochbau-Institut.
Lehrende: Simon Oberhammer, Karolin Schmidbaur (Konzept und Methoden des Entwurfs), Martin
Zangerl.
LITERATUR
¹Hartmut Rosa – Situation und Konstellation, Vom Verschwinden des Spielraums
Bruno Latour – Das Parlament der Dinge
Michel Serres – Der Parasit
Rem Koolhaas, OMA – Strategy of the Void
Keller Easterling – Medium Design: Knowing How to Work on the World
Karen Barad – Meeting the Universe Halfway
Donna J. Haraway – Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene